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Newsletter 04/07

 

Rundbrief Rettungsnetz Wildkatze 4/07 

Inhalt:

Erster Wildkatzenkorridor Deutschlands in Thüringen gepflanzt

Nachweise von Wildkatzen im Spessart, der Rhön, den Hassbergen und im Fichtelgebirge: Erste Ergebnisse der DNA-Analysen!

Neue Wege im Naturschutz: Methode "Zukunftskonferenz"

Wissenwertes zur Wildkatze: Verbreitung

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Liebe Freunde der Wildkatze,

der erste Wanderkorridor für die Wildkatze und andere Arten wurde im November mit Bäumen und Büschen bepflanzt und wartet nun auf ausbreitungsfreudige Wildkatzenindividuen, die ihn als "Wanderweg" zwischen Hainich und Thüringer Wald benutzen werden.

Unter dem Motto "Neue Wege im Naturschutz" setzen wir uns mit unserer Forderung nach Lebensraum-Vernetzung aber nicht nur für die Umsetzung des seit längerem in der deutschen und europäischen Gesetzgebung geforderten Biotopverbunds ein. Für das nächste Jahr haben wir uns auch methodisch etwas Neues vorgenommen: Mit der Durchführung einer sogenannten Zukunftskonferenz wollen wir ein im Naturschutz noch völlig unbekanntes Instrument ausprobieren.

Bewährt hat sich schon jetzt die "Lockstockmethode" zusammen mit den DNA-Analysen der daran gesammelten Tierhaare. Die ersten Ergebnisse sind nun bekannt und werden hier vorgestellt.

Wir hoffen, dass das Projekt auch im nächsten Jahr so erfolgreich weiter läuft wie bisher und danken allen, die uns bei unserer Arbeit unterstützt haben!

Mit herzlichen Wünschen für ein frohes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr verabschieden sich für dieses Jahr

Sabine Jantschke und Thomas Mölich
vom Rettungsnetz für die Wildkatze beim BUND Thüringen

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Erster Wildkatzenkorridor Deutschlands in Thüringen gepflanzt
Viele Jahre haben wir auf diesen Tag hingearbeitet.
Schon als während des ersten Wildkatzenprojekts des BUND Thüringen im Hainich in den Jahren 1996-1999 klar wurde, dass die mit Halsbandsendern versehenen Wildkatzen den sicheren Wald so gut wie nie verlassen, entstand die Vision eines Korridors vom Nationalpark Hainich bis zum Thüringer Wald, die der BUND Thüringen als Wunschziel seines Forschungsprojekts formulierte.

Ein gutes Konzept, die richtigen Partner, zahllose Gespräche und Verhandlungen und schließlich das passende "Timing" haben nun aus der Vision Wirklichkeit werden lassen.
Am 1. November wurden mit dem ersten Spatenstich die Pflanzarbeiten am ersten Wildkatzenkorridor Deutschlands begonnen und das Ereignis mit einem Empfang vor Ort gebührend gefeiert. Mit angepackt haben dabei die (mittlerweile ehemalige) Vorsitzende des BUND, Dr. Angelika Zahrnt, Thüringens Umweltminister Dr. Volker Sklenar und die Förderer des Projektes, Dr. Volker Wachendörfer für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und Wolfgang Fremuth für die Zoologische Gesellschaft Frankfurt.

Bei der Veranstaltung wurden wir von vielen ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Ihnen, dem Bürgermeister der Hörselberg-Gemeinde, Daniel Steffan, und vor allem auch dem Schulchor der Nessetal-Grundschule, die mit Liedern und Gedichten rund um das Thema Katze das Programm abrundeten, gilt unser besonderer Dank.

Das Thema stieß auf großes Medienecho. Die ARD berichtete im "Mittagsmagazin" und in verschiedenen Regionalsendungen. Ein weiteres Filmteam war für das „RTL Nachtjournal“ im Einsatz. Auch mehrere Rundfunksender sendeten Beiträge über die Wildkatze und den neuen Korridor.

Im Vorfeld des Spatenstichs waren bereits im Spiegel der Artikel "Wege ins Katzenparadies" und ein Artikel im Wissenschaftsteil der "Welt" erschienen. Spiegel online brachte eine englische Fassung des Artikels, "Conservationists blaze trail for wildcats", die sogar zu Anfragen aus den USA führte. Sehr ausführlich berichtete auch die Thüringer Allgemeine: So war "unsere" Wildkatze der Star der Titelseite in der Ausgabe vom 27.10.2007).

Beim Spatenstich versprach Minister Sklenar, dass der Korridor vom Hainich bis zum Thüringer Wald auch im Abschnitt der Hörselberge zum Thüringer Wald fortgesetzt werde.  
Damit bestätigte er wie erhofft die Anbahnung eines eigenen Flurneuordnungsverfahrens, das das Amt für Landentwicklung und Flurneuordnung (ALF Meiningen) auf Initiative des BUND und im Einvernehmen mit der Gemeinde Hörselberge und dem betroffenen Landwirtschaftsbetrieb beim Thüringer Umweltministerium beantragt hatte.

Dank der milden Witterung konnte die Pflanzung von insgesamt 20.000 Bäumen und Büschen mittlerweile vollständig abgeschlossen werden. Die wichtigste Lücke im Lebensraumverbund zwischen Nationalpark Hainich und Thüringer Wald ist damit geschlossen. Projektleiter Thomas Mölich rechnet damit, dass spätestens 2010 die ersten Wildkatzen diesen Korridor nutzen werden.



Nachweise von Wildkatzen im Spessart, der Rhön, den Hassbergen und im Fichtelgebirge:
Erste Ergebnisse der DNA-Analysen

Seit Oktober liegen die ersten Ergebnisse der DNA-Analysen für die in Bayern gesammelten Haarproben vor. Die Außenstelle Gelnhausen des Senckenberg-Instituts hat mit der am bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) entwickelten Methode inzwischen weit über hundert Haarproben analysiert.
Die Gentests bestätigen das Vorkommen der Wildkatze in einigen der untersuchten Waldgebiete.

Genetisch abgesichert werden konnte wiederholt das Vorkommen der Wildkatze im Spessart. Im Raum Frammersbach-Ruppertshütten, ca. 10 km nördlich von Lohr am Main, gelangen im Januar 2007 an einem Lockstock mehrfach Wildkatzennachweise.

Erfreulich ist der erste sichere Wildkatzennachweis seit 1992 in den fränkischen Haßbergen. Damals wurde in den nordwestlichen Haßbergen eine Katze überfahren. Das Tier wurde bereits genetisch als Wildkatze bestätigt. Der aktuelle Nachweis stammt aus den zentralen Haßbergen etwa 15 km südwestlich des Fundorts von 1992. Es handelt sich leider um ein Tier, das im Verlauf einer Jagd gesetzeswidrig abgeschossen wurde.

Nach regelmäßigen Sichtbeobachtungen seit gut 10 Jahren konnte auch im Neuwirtshauser Forst in der Südlichen Rhön (ca. 10 km nördlich von Hammelburg) erstmals das Vorkommen der Wildkatze genetisch abgesichert werden. Dort konnten im Januar 2007 ebenfalls mehrfach Wildkatzenhaare an einem Lockstock abgesammelt werden. Erstmals seit 50 Jahren gelang der Nachweis der Wildkatze im Gebiet des Biosphärenreservates Bayerische Rhön und darüber hinaus erstmals seit Jahrzehnten auch im Fichtelgebirge.

Im Steigerwald erbrachten die genetischen Analysen bisher leider noch keine Bestätigung für das Vorkommen der Wildkatze. Gespannt warten wir derzeit auf die Ergebnisse von Haarproben aus dem Gebiet des Biosphärenreservates Thüringische Rhön.

Zum jetzigen Kenntnisstand stehen die Nachweise aus Hassbergen und Fichtelgebirge eher für sporadisch auftretende, vielleicht wandernde Wildkatzen, jedoch nicht für eine etablierte, bisher übersehene Wildkatzenpopulation.


Neue Wege im Naturschutz: Methode "Zukunftskonferenz"
Eine der Grundüberzeugungen unseres Projektes ist, dass Landnutzer wie Jäger, Landwirte oder Förster nicht mit "fertigen" Maßnahmenkonzepten des Naturschutzes konfrontiert werden. Sie sollen vielmehr von Anfang an in der Planung und Umsetzung beteiligt sein.

Für einen sachlichen Dialog zwischen Naturschutz und Landnutzern kann es nützlich und manchmal notwendig sein, andere oder neue Methoden zu nutzen und weiterzuentwickeln.
Solch eine Methode ist die Zukunftskonferenz, die 1982 in den USA für die Zukunftsgestaltung in Unternehmen entwickelt wurde. Heute wird sie für eine Vielzahl von Prozessen eingesetzt, allerdings bislang selten im Naturschutz.
In der Zukunftskonferenz entwickeln bis zu 80 Teilnehmer mit unterschiedlichen Sachinteressen in einem fest definierten Konferenzschema eine gemeinsame Vision mit konkreten Handlungsplänen.

Das Thema, zu dem der BUND im Herbst 2008 eine länderübergreifende Veranstaltung nach dem Prinzip der Zukunftskonferenz veranstalten wird, lautet:
„Wie kann ein Waldbiotopverbund ein verbindlicher Bestandteil der Raumplanung werden?“

Zurzeit sind wir dabei, Partner in Landesverwaltung, Landwirtschaft, Straßenbau, Forst, Jagd und Verbandsnaturschutz für die Besetzung einer Steuerungsgruppe zu gewinnen. Die Steuerungsgruppe übernimmt gemeinsam mit einem unabhängigen Moderator die Vorbereitung der Zukunftskonferenz.


Rubrik "Wissenswertes zur Wildkatze": Verbreitung
Ursprünglich besiedelte die Wildkatze fast ganz Europa mit Ausnahme Irlands und des überwiegenden Teils Skandinaviens. Ab etwa 4000 vor unserer Zeit kam es allerdings zu einer deutlichen Verschlechterung des Klimas, was zur Folge hatte, dass die Wildkatze zahlreiche Lebensräume aufgeben musste, da sie mit hohen Schneelagen nicht gut zurechtkommt.

Davon betroffen waren vor allem Gebiete in Südschweden, Polen, der Ostseeraum der Sowjetunion, aber auch die Bayerische Oberpfalz, das Fichtelgebirge und der Böhmerwald. Dieser Prozess wurde noch verstärkt durch die zunehmende Entwaldung der Landschaft.

In der Rodungsperiode zwischen dem 7. und dem 13. Jahrhundert gingen weitere Lebensräume für die Wildkatzen verloren, die sich nun in die Mittelgebirge zurückziehen mussten.

Dennoch waren Wildkatzen bis in das 20. Jahrhundert hinein in vielen Wäldern Europas weit verbreitet, seit einigen Jahrzehnten befinden sie sich jedoch auf dem Rückzug. Die heutigen Verbreitungsschwerpunkte liegen auf dem Balkan, der Iberischen Halbinsel, in Schottland, Italien, in Ostfrankreich bis Belgien und in Teilen West- und Mitteldeutschlands.
Deutschland spielt dabei eine wichtige Rolle als Bindeglied zwischen den Vorkommen in Osteuropa und Westeuropa.

Durch Jagd und zunehmend auch durch Verlust und Isolierung geeigneter Lebensräume ist die Zahl der in Deutschland lebenden Wildkatzen von mehreren Zehntausend auf schätzungsweise 3.000 bis 5.000 Tiere zurückgegangen. Die Wildkatze gilt daher in Deutschland je nach Bundesland meist als gefährdet, vom Aussterben bedroht, verschollen oder sogar ausgestorben.

In Deutschland kommen Wildkatzen heute vor allem in der Mitte und im Südwesten vor. Ein Verbreitungszentrum liegt in Eifel, Hunsrück, Pfälzer Wald und Taunus. Das zweite Verbreitungszentrum liegt im Harz, in Teilen des Leine-Weserberglandes und hessischen Waldlandes und in Waldgebieten Nord- und Westthüringens bis zum Hainich.
In Bayern, wo die Wildkatze als ausgestorben galt und seit Anfang der 1980er Jahre wiederangesiedelt wird, liegt das Hauptvorkommen im Spessart.